Der Berg der aufgehenden Sonne

Ein Narr auf der Suche nach Goraiko      (oder wie ich Fuji-san bezwang)

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Fuji-san aus der Ferne, im Sommer ohne Schneemütze

Ich kann nicht behaupten, man hätte mich nicht gewarnt. Bei der Internetrecherche zur Vorbereitung meiner Fuji Gipfeltour stieß ich auf Kommentare wie: "the most painful thing I've ever experienced" aber auch auf diesen: "als ich auf dem Gipfel angekommen war, weinte ich Freudentränen". Wie auch immer, es scheint ein ziemlich extremes Erlebnis zu werden. Unsere kleine Reisegruppe macht sich auf den Weg. Von Tokio aus geht es mit dem Zug in zweieinhalb Stunden zum Fuji-san Bahnhof. Schon aus der Ferne sehen wir den heiligen Berg majestätisch aus der Ebene ragen. Allerdings wirkt er im Sommer ohne seine weiße Schneemütze weniger fotogen als auf den Fotos in Reiseführern und Broschüren. Von den vier möglichen Routen wählen wir die leichteste und beliebteste, den Yoshida Trail. Wir fahren mit dem Bus hinauf zur 5. von insgesamt neun Bergstationen. Ich bin enttäuscht und irritiert. Enttäuscht, weil wir wie Pauschaltouristen die ersten vier Stationen mit Motorkraft überwinden (ich sollte diese Entscheidung im Laufe der Tour noch schätzen lernen). Irritiert, weil unser Bergführer immer vom Fuji-san spricht, wollten wir doch eigentlich den Fuji-jama besteigen.

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Einmal auf den Fuji-san: Pflicht für jeden Japaner

Unser Guide erklärt uns, dass der Name Fuji "-jama" in den westlichen Sprachen auf einem Übersetzungsfehler beruht. Und irgend etwas mit den Kanji Schriftzeichen und der Frage, ob ein Wort aus einem oder mehreren Zeichen zusammengesetzt wird, zu tun hat. Die Japanologen streiten noch heute darüber, und dass das "jama" Zeichen im Japanischen ebenfalls für den Begriff Berg verwendet wird, macht die Diskussion nicht einfacher. Wie auch immer, wir entscheiden uns für das politisch korrekte Fuji-san. Auf dem Busbahnhof der 5. Bergstation befinden wir uns bereits auf 2.300 Metern Höhe, also nur noch knapp 1.500 Höhenmeter bis zum 3.776 Meter hohen Gipfel. Mehr nicht? Und was machen wir am Nachmittag? Noch eine Enttäuschung. Unsere kleine Wandertruppe scheint nicht die einzige zu sein, die heute den Gipfel des Fuji erklimmen will. Busladungen von japanischen und ausländischen Wanderern tummeln sich bereits auf dem Parkplatz. Es herrscht eine Stimmung wie vor dem Stadion eines wichtigen Bundesligaspiels.

Unser Tagesplan: Hinauf zur achten Bergstation

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Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt

Es gibt Souvenirshops, Restaurants und natürlich die in Japan unvermeidlichen bunten Automaten, an welchen man sich mit Getränken und Snacks eindecken kann. Wir sind natürlich bereits perfekt vorbereitet: T-Shirts, Pullover und Jacken nach dem Zwiebelprinzip, knöchelhohe Wanderschuhe, Regenschutz, Sonnenschutz, Stirnlampe (ganz wichtig!) und ein Kuli für die Postkarte auf dem Gipfel (angeblich gibt es dort oben das höchstgelegene Postamt der Welt). Unser Guide nötigt uns jedoch, in einem der Läden noch Skimützen und -handschuhe zu erstehen. Es ist ein sonniger Augusttag, ca. 25 Grad. Wir haben den Verdacht, dass unser Guide einen Deal mit dem Ladenbesitzer geschlossen hat und eine üppige Provision einstreicht. Widerwillig beugen wir uns seinem Wunsch. Ich werde ihm bis an mein Lebensende dankbar sein! Wir machen uns auf den Weg. Es ist später Nachmittag, alle sind guter Stimmung (Spoiler Alarm: das wird sich ändern). Unser Tagesplan: in ca. vier bis fünf Stunden bis zum Sonnenuntergang Aufstieg bis zur achten Station auf 3.100m. Dort haben wir unsere Übernachtung in einer der Berghütten reserviert. Nach einer kurzen Nachtruhe wollen wir gegen zwei Uhr wieder aufbrechen, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu sein.

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Über Lavageröll hinauf zur nächsten Bergstation

Der Gesamtaufstieg von der 5. Station dauert je nach Kondition sechs bis acht Stunden. Es ist natürlich möglich, diese Tour auch an einem Tag bzw. als Nachtwanderung ohne Übernachtung zu machen. Joey Kelly würde wahrscheinlich diese Variante wählen. Allen Normalsterblichen sei jedoch eine Übernachtung empfohlen, schon um dem Körper etwas Zeit zur Anpassung an die Höhenluft zu geben. Nachdem wir an einer kleinen Zahlstation die obligatorischen ¥1000 Spende hinterlassen haben, windet sich der Weg in langgestreckten Serpentinen hinauf auf den Fuji-san. Es ist ein relativ flacher Anstieg über Sand und Lavageröll. Teilweise sind hohe Stufen in die Steine geschlagen und die als Geländer dienenden Ketten erleichtern die Balance. Viele der japanischen Wanderer haben sich in einem der Läden einen einfachen Wanderstab aus Holz gekauft. An jeder der Bergstationen gibt es die Gelegenheit, eine Verzierung mit der jeweiligen Höhenangabe in den Holzstock einbrennen zu lassen. Die Stationen bieten ebenfalls die Gelegenheit, sich mit Getränken und Proviant zu versorgen.

Sauerstoff ist ein knappes Gut

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Viel los auf dem Yoshida Trail!

Wir haben unsere Verpflegung in Form von Energieriegeln, Keksen und Wasser bereits in Tokio gekauft. Was klug war, denn die an den Verkaufsbuden ausgeschriebenen Preise für Wasser steigen direkt proportional mit den Höhenmetern. Apropos Höhenmeter: Kauft kein Wasser mit Kohlensäure, sonst entweicht die auf Meeresniveau abgefüllte Flüssigkeit beim Öffnen als unerwünschte Fontaine. Ich spreche aus Erfahrung.

 

Jeder gläubige Moslem soll einmal im Leben Mekka besuchen. Jeder Anhänger des Shintoismus hingegen soll den Fuji-san erklimmen. Weshalb sie dies alle am gleichen Tag wie wir tun, bleibt ungeklärt. Jedes Jahr steigen ca. 250.000 Japaner auf den heiligen Berg, zwei Drittel davon über den beliebten Yoshida Trail. Der Aufstieg ist nur im Sommer, vom 1. Juli bis zum 10. September möglich. Seid Ihr zeitlich flexibel, wählt für Euren Aufstieg am besten einen Termin außerhalb der Sommerferien (ca. 20. Juli bis Ende August) und meidet besonders die Woche des Obon Festes (11.-16. August) und natürlich auch die Wochenenden.

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In Serpentinen geht der Weg hinauf auf den Fuji-san

Langsam wird es kühler. Nach und nach wechseln Pullover und Jacken aus dem Rucksack an den Oberkörper und die praktischen Zip-on-Hosenteile an die bereits verstaubten und- schwitzten Unterschenkel. Die Luft wird dünner. Es wird stiller. Die angeregten Unterhaltungen und Witzeleien unserer kleinen Reisegruppe sind längst verstummt. Sauerstoff ist ein knappes Gut. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach (zum Beispiel, den nächsten Urlaub in einem All-Inclusive Club mit Poolbar auf Teneriffa zu verbringen) und konzentriert sich darauf, das vor ihm liegende Geröll so zu umgehen, dass die Füße möglichst wenig angehoben werden müssen. Immer weiter winden sich die Serpentinen den Berg hinauf. Hinter jeder 180 Grad Wendung die Hoffnung, am Ende des Weges die ersehnte Berghütte zu erblicken. Am Wegesrand liegen erschöpfte Wanderer, die den Strapazen des Aufstiegs nicht mehr gewachsen waren. Über uns kreisen Aasgeier. Verblichene Skelettknochen schimmern in der untergehenden Sonne. Oder sind dies nur durch die Höhenluft ausgelöste Halluzinationen?

Fischstäbchen in der Pfanne

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Früh übt sich: Junger Wanderer auf der Bergstation

Die nächste Serpentine, die nächste 180 Grad Kurve. Ist es eine Fata Morgana oder erstreckt sich vor uns die achte Bergstation mit einem bequemen Bett und einem leckeren Abendessen? Weder noch. Zwar haben wir tatsächlich die achte Bergstation und unsere Unterkunft für die Nacht erreicht. Das bequeme Bett und das leckere Abendessen bleiben jedoch eine Luftspiegelung. Unsere Berghütte liegt auf 3.100 Meter Höhe, die Kosten für eine Übernachtung liegen bei ca. ¥5000, oder ¥7000 incl. Dinner. Ich empfehle Euch, die Übernachtung im Voraus zu buchen (z.B. hier), wenn Ihr keinen Wert darauf legt, die Nacht bibbernd auf einer Holzbank zu verbringen. Wir schleppen unsere verstaubten und schmerzenden Körper in das große Holzhaus. Es hat mehrere Etagen, die alle an einen geräumigen Dachboden erinnern. Auf den einfachen Bretterböden liegen aneinandergereiht Futon Matratzen, auf welchen sich bereits viele müde Wanderer in ihre Schlafsäcke gerollt haben. Wir setzen uns aber zuerst im Erdgeschoss im Schneidersitz an den langen, niedrigen Tisch, wo unser Abendessen bereits auf uns wartet. Normalerweise ein Freund der gesunden japanischen Küche, hoffe ich nach den Strapazen der letzten Stunde auf eine saftige Currywurst mit Pommes. Meine Hoffnung wird nur teilweise erfüllt. In einer Plastikbox mit praktischen Fächern finde ich immerhin tatsächlich so etwas wie ein Würstchen.

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Nachtlager in der Berghütte: Eine kurze Ruhepause

Nachdem wir unser Essen hungrig herunter geschlungen haben, wird unserer kleinen Reisegruppe ein offener Schlafbereich im dritten Stock zugewiesen. Schlafsack, Kissen und Laken werden von der Herberge gestellt. Es bleibt noch Zeit für eine Katzenwäsche, draußen an einer großen Plastiktonne. Aus einem braunen Rohr tropft etwas Wasser. Körperhygiene wird ohnehin überbewertet. Mittlerweile ist es empfindlich kalt. Zurück ins Haus. Wir schlüpfen in unsere Schlafsäcke. Noch ein paar Witze darüber, wie wir, nebeneinander aufgereiht wie Fischstäbchen in der Pfanne, in unseren Säcken auf dem Holzboden liegen. Schnell schlafe ich ein und abgesehen von einem rhythmischen Schnarchen, das aus verschiedenen Winkeln des Dachbodens durch die Nacht hallt, genieße ich die Ruhe und die Dunkelheit. Für gefühlte fünf Minuten.

Übung in fernöstlicher Gelassenheit

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Halb zwei Uhr früh: Weckruf des Herbergsvaters

Plötzlich geht das Licht in unserem Schlafsaal an. Wir werden unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ich brauche einige Augenblicke, bis ich realisiere, wo ich bin. Meine Uhr zeigt halb zwei Uhr früh. Überall schälen sich verstörte Menschen schlaftrunken aus ihren Schlafsäcken und ziehen sich hastig an. Fünf Minuten später steht unsere kleine Reisegruppe vor der Berghütte. Ich hoffe jedenfalls, dass dies meine Gruppe ist, denn wir unterscheiden uns nicht von den vielen japanischen Wanderern, die auch alle in dicke Jacken, Schals, Skimützen und Handschuhe gehüllt sind. Es ist stockdunkel und wenn man ein Thermometer sehen könnte, wäre seine Quecksilbersäule sehr kurz. Einen Moment hoffe ich noch auf eine heiße Tasse Kaffee, doch unser Guide drängt zum Aufbruch. Er ist entweder Masochist oder einfach nur sehr professionell und plaudert gut gelaunt auf uns ein. Nur noch 600 Höhenmeter seien zu überwinden und pünktlich zum Sonnenaufgang würden wir den Gipfel erreichen. Wir machen uns auf den Weg, der sich weiter in Serpentinen den Berg hinauf windet.

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Dick eingepackt und mit Stirnlampe auf dem Weg zum Fuji Gipfel

Die einheimischen Wanderer, geübt in fernöstlicher Gelassenheit, bewegen sich kräftesparend in Zeitlupe vorwärts. Einer hinter dem anderen, schlängelt sich die Prozession der Wanderer wie ein Lindwurm den Weg hinauf. Zum Überholen ist der Grat zu schmal. Eine harte Geduldsprobe für die westlichen Powerwalker, die sich nur widerwillig in die Prozession einreihen. Aber eine gute Vorbereitung auf den nächsten Stau in der morgendlichen Rushhour auf der A40. Unser Reiseleiter bleibt im Plaudermodus und redet entschlossen gegen die mürrische Schweigsamkeit seiner Reisegruppe an. 2013, so erfahren wir, wurde der Fuji in die Liste des UNESCO Welterbes aufgenommen, interessanterweise jedoch nicht als Natur- sondern als Kulturerbe. Als heiliger, spiritueller Ort und Quelle künstlerischer Inspiration, wie es in der Begründung heißt. Denn seit vielen Jahrhunderten wird der Fuji-san in unzähligen Gedichten, auf Tuschezeichnungen und Holzschnitten verehrt. Der Weg wird steiler, teilweise kraxeln wir in der Dunkelheit auf allen Vieren über das Lavagestein. Die Skihandschuhe sind hierbei sehr hilfreich. Es ist neblig, wir wandern durch die Wolken. Es wird immer schwerer, die Lungenflügel mit der dünnen Luft zu füllen. Mein Atem kondensiert vor dem Mund.

Der nächste Ausbruch ist längst überfällig

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Rushhour Nachts um zwei - Massenwanderung zum Fuji Gipfel

Einige einheimischen Wanderer haben sich im Souvenirladen neben Wasserflaschen auch mit Dosensauerstoff eingedeckt. Kein Scherz. Die handlichen Dosen sehen ungefähr so aus wie diese schrillen kleinen Sirenen, die man im Fußballstadion sieht. Anstelle des kleinen Megafontrichters gibt es ein Mundstück, durch das man das kostbare Gas inhaliert. Unser Führer geht unverdrossen seiner Informationspflicht nach: Geologisch gesehen sei der Fuji ein Stratovulkan, der 1707 das letzte Mal ausgebrochen ist. Der nächste Ausbruch sei also bereits längst überfällig. Ich unterdrücke eine Stimme tief in mir, die flüstert: Bitte lasse ihn jetzt ausbrechen, damit diese Strapazen endlich vorbei sind. Den Drang unserer westlichen Zivilisation, hektisch und forschen Schrittes nach vorne zu stürmen, haben wir längst aufgegeben. Wir werden eins mit dem schleichenden Lindwurm japanischer Wanderer. Langsam gehen. Kräfte sparen. Luft sparen. Es hat etwas meditatives. Einen Schritt nach dem anderen. Einen Fuß vor den anderen. Der Weg ist das Ziel. Der Geist löst sich vom Körper und schwebt befreit über der Szene. Unser Reiseleiter, ein studierter Japanologe zitiert Kobayashi Issa, einen berühmten Poeten aus dem 18. Jahrhundert: „Katatsumuri, sorosoro nobore, fuji-no yama“ - „Die kleine Schnecke, ganz langsam steigt sie hinauf, auf den Berg Fuji“. Mein Geist vereinigt sich wieder mit meinem Körper und verspürt den Drang, unserem Reiseleiter den Mund mit Klebeband zu verschließen.

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Füße auftauen an heißen Kohlen

Der Nebel lichtet sich. Wir sind jetzt oberhalb der den Fuji einhüllenden Wolken. Über uns erleuchten die Sterne der Milchstraße die schwarze Nacht. Aus der Dunkelheit zeichnet sich die Silhouette eines Holzgebäudes ab. Wir haben den Gipfel erreicht. Plötzlich ist es sehr windig. Der Wind schneidet sich beißend in unsere Gesichter, jedenfalls dort, wo sie noch nicht von Schal und Skimütze verdeckt sind. Die Temperatur liegt zwar knapp über dem Gefrierpunkt, der windchill lässt sie gefühlt jedoch um einiges sinken. Das Gebäude erweist sich als einfacher Holzschuppen mit langen, in dichten Reihen stehenden, niedrigen Bänken - auf die wir uns dankbar und erschöpft niederlassen. Auf dem Boden stehen Teller mit glühenden, heiße Kohlen. Eine junge Japanerin reicht lächelnd ein Tablett mit Plastikbechern herum. Aus den Bechern strömt der Duft heißen, köstlichen Tees. Ein Backpacker mit skandinavischem Akzent zieht einen Flachmann aus der Jackentasche und würzt seinen Tee nach. Dieses Utensil fehlte leider auf unserer Packliste. Wir schieben unsere Füße näher an die Kohlen heran. Einige japanische Wanderer zücken ihre Handys. Unglaublich - oder eigentlich auch wieder nicht, schließlich sind wir in Japan - es gibt wifi auf dem Fuji. Allerdings nur, wenn man daran gedacht hat, sich im Shop an der 5. Station eine User-ID und ein Passwort zu besorgen. Als "analogue-native" kann ich das verkraften, Instagram muss auf das Foto meiner Füße im Kohlenteller noch etwas warten.

Wir erleben unsere ersten Goraiko

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Goraiko - das überwältigende Gefühl beim Anblick der aufgehenden Sonne

Die Kohlen und der Tee verbreiten eine wohltuende Wärme. Ich spüre meine Zehen wieder. Es ist halb fünf. Unser Reiseleiter drängt wieder zum Aufbruch. Gleich geht die Sonne auf. Das wollen wir natürlich nicht verpassen. Wir haben Glück. Die Wolken hängen jetzt tiefer im Tal, darüber ist es klar. Unter den Wolken zeichnet sich bereits das Morgenrot als bizarrer Leuchtstreifen ab. Die meisten Nachtwanderer haben mittlerweile den Gipfel erreicht. Die Aussichtsplattform in Richtung Osten füllt sich zunehmend. Es ist wie so oft im Leben: der lange erwartete Höhepunkt ist in wenigen Augenblicken vorbei. Innerhalb von ein paar Minuten durchdringt die Sonne die Wolken und zaubert für kurze Zeit ein Bergpanorama aus rosaroter Zuckerwatte. Ganz schnell wechselt das Farbspektrum dann von Rot in goldgelb, bis die Sonne hell am blauen Himmel steht. Guten Morgen. Wir sind zurück in der Realität. Von unserem Guide erfahren wir, dass es im Japanischen sogar ein eigenes Wort, speziell für den Sonnenaufgang auf dem Fuji gibt: Goraiko (ご来光). Das Schriftzeichen wird synonym auch verwendet für die Beschreibung einer Emotion, die übersetzt ins Deutsche nur sehr ungenau mit "das überwältigende Gefühl der meditativen Erfahrung beim Anblick der aufgehende Sonne" beschrieben werden kann. Sie sind sehr weise, die Japaner. Und überaus poetisch.

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Kurze Rast in der Morgensonne

Wer durch die aufgegangene Sonne genug Kraft getankt hat, kann sich jetzt noch auf den Weg machen und den Krater des Fuji umwandern, was ungefähr eine Stunde dauert. Wir machen es aber wie die meisten anderen und begnügen uns mit einem Blick von der Aussichtplattform hinab in den Kraterschlund. Schließlich steht uns noch der nicht zu unterschätzende Abstieg bevor. Dieser ist zwar deutlich weniger anstrengend als der Aufstieg, geht aber im wahrsten Sinne des Wortes in die Knie. Der Weg selbst in relativ unspektakulär und windet sich in genau 53 Z-Kombinationen oder 106 Serpentinen kontinuierlich den Berg hinab. Die Sonne steigt schnell immer höher. Nach dem umgekehrten Zwiebelprinzip entledigen wir uns nach und nach wieder unserer Handschuhe, Mützen, Schals und Jacken. Für den Abstieg plant man normalerweise zwei Drittel der Zeit des Aufstiegs ein. Doch wie bei dem Pferd, das bereits den Futtertrog riechen kann, werden unsere Schritte immer schneller. Die Füße rutschen über das lose Lavageröll, die Zehen stoßen bei jedem Schritt vorne an die Schuhe. Doch Müdigkeit, Hunger und Muskelkater werden vom Adrenalin, das noch von den morgendlichen Erlebnissen durch unsere Adern flutet, unterdrückt. Und so erreichen wir in der Rekordzeit von dreieinhalb Stunden wieder unsere Basisstation.

Nennt mich einen Narren

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So sehen Helden aus :-) Nach der Bezwingung des Fuji-san

Wir fühlen uns wie eine Gruppe Eroberer, die am selben Tag den Südpol erreicht, die Sahara durchwandert und die Quelle des Nils gefunden hat. Adrenalin ist ein sehr nützliches Hormon. Die Gastronomie der Basisstation ist natürlich auf Helden wie uns bestens vorbereitet. Es dauert nicht lange, bis unsere kleine Reisegruppe in einem der vielen Restaurants die Bezwingung des Fuji-san mit einem üppigen Mahl feiert. Nie wieder hat mir roher Fisch und Reis zum Frühstück so gut geschmeckt wie an diesem Morgen. Unser Reiseleiter zitiert zum Abschluss ein altes japanisches Sprichwort: "Katsute fujisan o noboru kare ga ni-do noboru bakadearu kare kashikoi otokodesu": Derjenige, der den Fuji einmal besteigt ist ein weiser Mann, derjenige jedoch, der ihn zweimal besteigt, ist ein Narr". Nennt mich einen Narren: ich würde es wieder tun. Die Erfahrung des Goraiko - in seiner doppelten Bedeutung als Sonnenaufgang und als Gefühl - hat mich für die erlittenen Strapazen mehr als entschädigt.

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Kommentare: 4
  • #1

    Hannah (Montag, 26 Juni 2017 12:34)

    Woow, vor dem Frühstück einen Gipfel besteigen, das klingt beeindruckend! :D
    Ich finde es total schön, dass die Japaner ein eigenes Wort für "das überwältigende Gefühl der meditativen Erfahrung beim Anblick der aufgehende Sonne" haben - ich kenne dieses Gefühl auch (und liebe es!), Goraiko werde ich mir unbedingt merken.

  • #2

    Andreas (Donnerstag, 13 Juli 2017 00:11)

    Hallo Hannah, das hat mir auch besonders gefallen, ein kleines Wort für ein großes Gefühl... :-)

  • #3

    Yandra (Mittwoch, 16 August 2017 23:10)

    Hey, nur zufällig bin ich auf deinen Reisebericht gestoßen, weil ein Freund von mir gerade auf dem Fuji unterwegs ist - und ich möchte dir ein großes Kompliment für deinen unterhaltsamen Text machen! Wirklich schön geschrieben, vielen Dank ! :)

    Yandra

  • #4

    Andreas (Donnerstag, 17 August 2017 08:03)

    Hallo Yandra, das freut mich sehr, dass Dir mein Bericht gefallen hat, vielen Dank! Ich hoffe, Deinem Freund macht die Tour auf den Fuji genauso viel Spass wie mir. Würde mich interessieren, wie es ihm gefallen hat.