Siquijor - Hexeninsel der Philippinen

Bei Kräuterschamanen und Wunderheilern

Siquijor Reisebericht Philippinen
Siquijor, die Insel der Kräuterschamanen und Medizinfrauen

Sie ist eine von 7107. Aber eine ganz Besondere. Auf meiner Reise durch den Inselstaat erzählen mir die Filipinos immer wieder von ihr: Mit Respekt, Furcht oder einem Augenzwinkern. Das macht mich neugierig und ich entscheide, mir mein eigenes Bild zu machen: von Siquijor, der mystischen Insel der Kräuterhexen, Wunderheiler und Medizinmänner. Weitere Informationen zu Siquijor, Tipps zur Anreise und zum Aufenthalt auf der Insel findet Ihr in meinen Siquijor Reiseinfos.

 

Angekommen auf Siquijor stellt sich die Frage: Wie finde ich nun die Hexen? Keine Frage, mit der ich täglich konfrontiert werde. Fragt man die offiziellen Stellen des Tourismusbüros lautet die Antwort: "Hier gibt es keine Hexen", was insofern korrekt ist, als dass im Rahmen der Tourismus Marketingstrategie die Hexen einen Relaunch als "Traditionelle Heilerinnen" erleben. Zumindest die mit der weißen, also guten Magie. Die böse, schwarze Magie ausübenden Hexen scheinen dem politisch korrekten Markenauftritt zum Opfer gefallen zu sein. Ganz im Ernst: der lokalen Regierung liegt es am Herzen, das Image Siquijors als Insel der schwarzen Magie in das der "Healing Island" zu ändern.

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Heilerinnen im Kräuterwald

Die Inselbewohner erzählen Geschichten von "Mambabarangs" und "Mananambals". Ein Mambabarang nutzt seine Kräfte, um Schmerzen, Krankheit oder gar den Tod herbeizuführen. Eine durchaus lukrative Dienstleistung, die dem Auftraggeber, so wird erzählt, auch schon mal 30.000 Pesos wert ist - um den Nebenbuhler in Liebes-angelegenheiten oder den Konkurrenten im Geschäftsleben auf elegante Weise loszuwerden. Ein Mananambal hingegen setzt seine Fähigkeiten ein, um Krankheiten zu heilen und Menschen in Bedrängnis zu helfen. Auch er ist geschäftstüchtig und erwartet für seine Dienstleistung eine entsprechende Aufwandsentschädigung. Auf die Frage, ob die aufgeklärten, im modernen Leben stehenden Bewohner von Siquijor heute noch an die bösen Kräfte der Mambabarangs glauben, antwortet mir ein älterer Herr pragmatisch: “Don’t believe in it. Just try to avoid it.”

Bei der Schamanin in San Antonio

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Juanitas Haus, ohne Lebkuchen

Ausgestattet mit einer Liste offiziell zertifizierter Heilerinnen mache ich mich auf den Weg nach San Antonio, einem kleinen Dorf im bergigen Inneren der Insel und ausgewiesenes Zentrum der Schamanen und Heilerinnen. Mitten im dichten tropischen Wald liegt eine kleine verfallene Hütte, der eigentlich nur die Lebkuchendekoration fehlt, um als Hexenhaus durchzugehen. Ich treffe Juanita und bin erstmal ziemlich enttäuscht: keine Greisin mit Buckel und Warze auf der Nase, die mich mit knorrigen Fingern in ihre Hütte lockt. Juanita ist eine kleine, resolute Frau in den 50ern und spricht überraschend gut Englisch, als sie mich in ihr Haus einlädt. Juanitas Küche hingegen entspricht schon eher meinen Vorstellungen einer Hexenwerkstatt. Alle Regale und Tische sind vollgestopft mit Glasflaschen und Plastiktöpfen, in denen Kräuter, Wurzeln und Baumrinden in bizarren Flüssigkeiten schwimmen.

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Mixturen in der Kräuterküche

Die ebenfalls zum Haushalt gehörende schwarze Katze scheint aber enttäuschenderweise keine tragende Rolle zu spielen und sitzt etwas gelangweilt in der Ecke, statt sich fotogen auf Juanitas Schulter zu positionieren. Juanita erzählt mir, dass sie das Heiler Business von ihrem Vater übernommen hat und seit seinem Tod alleine weiter betreibt. Sie ist, wie fast alle Filipinos, tief katholisch und sieht keinen direkten Widerspruch zwischen ihrer Religiosität und dem traditionellen Schamanengeschäft. Im Gegenteil, bei der Produktion der Kräutermedizin spielt der christliche Kalender eine wichtige Rolle. Die mehr als 150 verschiedenen Zutaten der Mixturen können nur während der Fastenzeit nach Aschermittwoch gesammelt werden, das Brauen der wirkungsvollsten Arzneien erfolgt immer am Karfreitag.

Kräuterkunde im Hexenwald

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Mit Juanita und Joaquina im Wald

Mittlerweile hat sich Joaquina, eine Freundin von Juanita und ebenfalls Heilerin, zu uns gesellt und wir machen uns auf den Weg in den Wald. Nur wenige Meter hinter der Hütte stellt die Natur einen Supermarkt mit allen Zutaten zur Verfügung, die die Heilerinnen für Ihre Tinkturen benötigen: Blätter, Rinden, Wurzeln, Blüten, Öle und Harze- fast alle Bestandteile der Bäume, Sträucher und Kräuter können als Zutaten für die Behandlung verschiedener Krankheiten wie Fieber, Kopf- und Rückenschmerzen, Allergien und Augenprobleme genutzt werden. Neben diesen ganz banalen physischen Gebrechen gibt es aber auch Mixturen gegen emotionale, mentale oder finanzielle Herausforderungen. Spätestens hier verschwimmen die Grenzen zwischen Naturheilkunde und Aberglaube. Die aus den Pflanzen gewonnenen Gebräue werden ganz unterschiedlich eingesetzt, manche werden getrunken, andere werden auf die zu behandelnde Körperstelle aufgetragen und eingerieben, wobei die Dramaturgie der Zeremonie durch Rauchschwaden und das Gemurmel eines Zauberspruchs unterstützt werden kann, wenn die bösen Geister sehr hartnäckig sind.

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Schamanen bei der Arbeit

In besonders schweren Fällen wird die Behandlung auch schon mal durch das Beträufeln der Körperstelle mit geschmolzenem Wachs unterstützt - gewonnen aus auf Friedhöfen gesammelten Kerzenresten. Ein touristischer Bestseller der Schamanen von Siquijor ist "Gayuma", der Liebeszauber. Als Juanita mir ein winziges Fläschchen mit der geheimen Flüssigkeit als Abschiedsgeschenk überreicht, erklärt sie mir die Anwendung. Nur wenige Tropfen, aufgetragen auf Haut oder Kleidung reichen aus, um den Träger für das andere Geschlecht unwiderstehlich zu machen. Ich bedanke mich für das großzügige Geschenk und verstaue es vorsichtig in meiner Jackentasche - nicht dass ich es nötig hätte…, aber andererseits: man weiß ja nie, und schaden kann es auf keinen Fall…

Kostenlose Wellnessbehandlung

Bei meinem nächsten Stopp auf der Insel habe Gelegenheit, eine "Behandlungsmethode" kennenzulernen, die mittlerweile auch Einzug in die Spas und Wellnessbereiche der westlichen Hemisphäre gehalten hat. Direkt an der Hauptstraße, in der Nähe des Dorfes Campalanas, steht ein riesiger, uralter "Balete" Baum, auch als Banyan Tree bekannt, der, je nachdem wen man fragt, 400 oder 500 Jahre alt sein soll und natürlich in den Geschichten der Inselbewohner eine wichtige Rolle spielt. Er hat spirituelle Kräfte und bietet einigen wichtigen Inselgeistern, den Tikbalangs, ein Zuhause. Am Fuße des Baumes befindet sich eine Quelle, die den davorliegenden kleinen Teich mit Frischwasser speist. Die Besonderheit des Teiches erfahre ich aber erst, als ich meine Füße in das seichte Wasser baumeln lasse. Sofort erscheinen hunderte kleine "Garrarufas", bei uns auch als Doktorfische bekannt, und knabbern mir die abgestorbenen Hautschuppen von den Füßen. Diese unerwartete Massage kitzelt ganz schön, ist aber nicht so unangenehm wie befürchtet. Letztendlich erhalte ich eine kostenlose Wellnessbehandlung, für die andere in den angesagten Spas dieser Welt viel Geld zahlen.

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Bolo Bolo für zerkratzte Füße

Meine magische Siquijor Reise führt mich weiter ins Nachbardorf, wo ich den Medizinmann José besuche, der in seiner Hütte die Bolo Bolo Behandlung anbietet. Als ich ankomme, fühle ich mich an einen Besuch bei meinem Hausarzt erinnert. Die lange Bank auf der schattigen Veranda vor Josés Hütte ist bereits mit sechs weitere Patienten besetzt, die auf ihren Termin warten. Praktischerweise ist die Veranda gleichzeitig Warte- und Behandlungszimmer, und da Privatsphäre und Datenschutz hier nicht überschätzt werden, kann ich die Behandlungen der anderen Patienten mit verfolgen. Der erste ist ein kleiner, vielleicht sechsjähriger Junge mit blutig zerkratzen Füßen - vom Spielen in einem Dornbusch, erklärt mir seine Mutter. José beginnt sofort mit der Bolo Bolo Behandlung. Sein Werkzeug besteht aus einem Glas Wasser mit einem kleinen schwarzen Stein am Boden sowie einem Halm aus Bambus. Während er das Glas über die zerkratzen Füße des kleinen Jungen schwenkt, bläst er mit dem Bambushalm blubbernde Blasen in das Wasser. Nach kurzer Zeit trübt sich das Wasser. José leert das Glas über das Geländer der Veranda und füllt es mit frischem Wasser aus einem Kanister. Dieser Vorgang wiederholt sich ein paar Mal und José untersucht das eingetrübte Wasser jedes Mal kritisch.

Beim Bolo Bolo Medizinmann

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Austreibung des Barang Fluches

Beim vierten Durchgang bleibt das Wasser klar, José ist sichtlich zufrieden und beendet die Behandlung des kleinen Jungen. Was ist geschehen? Mit der Zeremonie zieht der Medizinmann die Krankheit aus dem verletzten Körperteil und fängt sie im Wasser auf, das sich daraufhin eintrübt. Bleibt das Wasser klar, ist es das Zeichen, dass alle Krankheitsdämonen den Körper verlassen haben. Die nächste Patientin ist eine junge, dicke Frau. Eigentlich ist sie gar nicht dick, ihr Bauch erscheint nur unnatürlich aufgebläht. Meine erste Vermutung geht in Richtung ungesunde Ernährung oder mangelhafte Verhütung. Doch ich erfahre, dass der Grund wahrscheinlich in einem "Barang" zu suchen ist: Ein von einem schwarzen Magier verhängter Fluch, der bei seinem Opfer bewirkt, dass Käfer und andere Insekten sich in seinem Bauch einnisten, der sich daraufhin aufbläht, bis er unbehandelt im schlimmsten Fall platzt. Doch zum Glück kann dem Fluch mit Hilfe von Bolo Bolo entgegengewirkt werden, wenn es auch in diesem Fall acht Durchgänge bedarf, bis das Wasser im Glas sich nicht mehr eintrübt.

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Ich hab' Rücken

Schließlich bin ich an der Reihe. Da ich ohnehin öfters "Rücken" habe, und nach dem langen Flug auch noch ziemlich verspannt bin, ist der Einsatzbereich für meine Bolo Bolo Behandlung schnell gefunden. Ich bin erleichtert, dass das Wasser schon beim dritten Durchgang klar bleibt. Die bösen Geister scheinen mich trotz des Flugs in der Touristenklasse nicht zu sehr in Beschlag genommen zu haben. Ich weiß nicht ob es natürliche Regeneration, Placebo Effekt oder wahre Magie war: Am nächsten Morgen waren meine Rückenschmerzen verschwunden. Den wahren Grund werden wir nie erfahren. Zurück am Strand meines Hotels, lasse ich am Abend den Tag Revue passieren. Als moderner, rational denkender Mensch, fällt es mir schwer, an die Kräfte von am Karfreitag gebrauten Tinkturen zu glauben. Sollten die zerkratzten Füße des kleines Jungen nicht besser mit einer guten Salbe aus der Apotheke behandelt werden? Doch bei Diskussionen über alternative Heilmethoden passt immer das alte Zitat aus Shakespeares Hamlet: "Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt." Während sich die Palmen am Strand sanft im Abendwind wiegen, kommt mir Siquijor jedenfalls sehr friedlich und gar nicht verhext vor. Vielleicht zeigt die Marketingstrategie des Tourismusbüros ja bereits Wirkung, und die bösen Magier und Hexen haben die Insel verlassen und den Heilern und Kräuterschamanen das Feld überlassen.

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Kommentare: 2
  • #2

    Andreas (Donnerstag, 13 Juli 2017 00:06)

    Hallo Susie, das mit den tollen Menschen auf Siquijor kann ich nur bestätigen. Ich hoffe, Du kommst bald mal wieder hin! :-)

  • #1

    susie (Montag, 10 Juli 2017 20:06)

    Hi :)
    Ich mag Siquijor, eine meiner Lieblingsinseln auf den Philis, wenn ich auch nur kurz da war - aber ich traf unwahrscheinlich tolle Menschen, die mir unwahrscheinlich geholfen haben....
    gibt gerne ein Wiedersehen

    Lg Susie